Entstehung des Begriffs


Manche Menschen assoziieren mit dem Begriff Hochsensitivität oftmals Schüchternheit, Ängstlichkeit, Furchtsamkeit, Introvertiertheit (vgl. Parlow 2003, S. 51). Gehemmtheit, Verklemmtheit, die Eigenschaften neurotisch oder sogar krankfthaft (vgl. Aron 2014a, S. 13). Somit stellt sich die Frage, was unter dem Begriff Hochsensitivität zu verstehen ist. Damit diese Frage beantwortet werden kann, ist es notwendig, einen Blick in die Grundlagenforschung der Psychologie zu werfen.

 

Einer der ältesten Forschungen und Entdeckungen zum Thema Hochsensitivität stammt sogar aus Deutschland:

  • Dr. Carl Ludwig Friedrich Freiherr von Reichenbach (1788 – 1869) war ein Chemiker und Naturphilosoph im 19. Jahrhundert. Zu seinen Leistungen als Chemiker gehören die Entdeckungen des Paraffins und des Kreosots. Die letzten 30 Jahre seines Lebens widmete er seine Zeit mit umfangreichen Experimenten über Wahrnehmungen der Lebenskraft und führte diese mit sensitiven Menschen durch. Bei seinen Versuchen in Dunkelkammern stellte er fest, dass sensitive Menschen spätestens nach ein paar Stunden andere Personen und Gegenstände zu sehen begannen. Bei einem seiner Tests konnte ein mittelgradig sensitiv eingestufter Proband nach einiger Zeit eine im Dunkeln stehende Pflanze genau beschreiben. Daraus folgerte er, dass „Licht also dagewesen sein muss, um die Pflanze mit solcher Deutlichkeit wahrnehmen zu können, dass nicht bloß die Gestalt, sondern sogar die Farbe erkannt wurde. Und dieses Licht kam in der Tat aus der Pflanze selbst; sie leuchtete.“  In der Folge führte Reichenbach Tausende von Versuchen in abgedunkelten Räumen mit hochsensitiven Menschen durch; minutiös erforschte er die Abstrahlung von Menschen und Pflanzen, von Magneten und Kristallen. Er prägte die Bezeichnung Od für diese Kraftströme, die seine Versuchspersonen wahrgenommen hatten. Die Parapsychologie verdankt ihm unter anderem den Begriff des “Sensitiven”.

 

  • Ivan Pawlow (1849 – 1936) war ein russischer Mediziner, Physiologe und Nobelpreisträger. Er beschäftigte sich viel mit der menschlichen Empfindsamkeit und mit Verhaltensforschung. Er war der Überzeugung, dass Verhalten auf Reflexen beruhen kann, und entdeckte das Prinzip der Klassischen Konditionierung. Dabei unterschied er zwischen unkonditionierten (auch natürlich genannten) und konditionierten Reflexen (die durch Lernen erworben werden). Am bekanntesten dürfte der so genannte Pawlowsche Hund sein: ein Forschungsprojekt. In Experimenten, in denen Pawlow seine Versuchspersonen extremem Lärm aussetzte, fand er heraus, dass ca. 15 – 20 Prozent der Versuchspersonen viel schneller an ihre Grenzen der Belastbarkeit kamen. Er bezeichnete diese hochempfindlichen Menschen als ‚besonderen Menschenschlag‘, fand sie sehr bemerkenswert und kam zur Überzeugung, dass ihre Veranlagung, sehr schnell in den Zustand der transmarginalen Hemmung zu kommen, vererbt wird. Unter transmarginaler Hemmung ist eine Schutzfunktion des Nervensystems zu verstehen, die den Körper vor Überstimulation bewahrt (vgl. Parlow 2003, S. 53ff).

 

  • Carl Gustav Jung (1875 – 1961) war ein Schweizer Psychoanalytiker, Freuds Schüler und der einzige Tiefenpsychologe, der ausdrücklich auf Sensibilität einging. Jung war im Gegensatz zu Freud der Meinung, dass der elementare Unterschied zwischen Menschen nicht durch negative sexuelle Erfahrungen entsteht, sondern durch ererbte ausgeprägte Sensibilität (vgl. Ebd., S. 71). Jung beschrieb seine Familie und sich selbst als hochempfindlich. Seiner Definition zufolge sind introvertierte Menschen primär am Subjekt interessiert, an den eigenen inneren Zuständen und an den von anderen, sowie an den Bedeutungen eines Objekts, zum Unterschied von extrovertierten Menschen, die am Objekt selbst interessiert sind. Daraus ergibt sich eine Art Isolation, wenn hochempfindliche Menschen an Objekten interessiert sind. Nach den Erkenntnissen Jungs stellen für den Introvertierten Objekte keine öffentliche Sache dar, sondern eine private. Am liebsten leben introvertierte Menschen laut Jung in einem Umfeld, das sie selbst kontrollieren können, um den sensorischen Input selbst zu regulieren und sensorische Überlastung zu vermeiden. Ebenfalls auf Jung zurückzuführen ist der Begriff des kollektiven Unbewussten, der verdeutlichte, dass hochempfindliche Menschen stärker und direkter mit dem Unbewussten in Verbindung standen, was ihnen eine Art prophetische Vorausschau ermöglichte. Er erkannte die Notwendigkeit, dass sich diese Menschen höher schützen müssen durch Dosierung von Stimuli und Rückzug (vgl. Parlow 2003, S. 51ff). Parlow zitiert Jungs folgende Aussage über hochsensible introvertierte Menschen: Sie seien „Erzieher und Förderer von Kultur, deren Leben die andere Möglichkeit lehrt, die des inneren Lebens, das in unserer Zivilisation so schmerzlich fehlt“ (Ebd., S. 52).

 

  • Eduard Schweingruber (* 9. Februar 1899; † 1. Dezember 1975) war ein Schweizer Theologe und Psychologischen Berater. Er schrieb schon 1935 sein Werk zu diesem Thema  – „Der sensible Mensch“ (2. Auflage, August 1944, Kindler Verlag, München)." In diesem Buch beschreibt er deutlich und ausführlich das Wesen von Hochsensitiven Menschen unter der Begrifflichkeit des „Sensiblen“.
    • Umgekehrt auch eine zu intensive Rückwirkung von körperlichen Funktionen auf das Affektleben.
    • Ein zu leichtes Eintreten von Kompliziertheiten im Verarbeiten der Affekte und Hinderungen im Abklingen der Affekte.
    • Eine leichte und zu intensive Ansprechbarkeit auf Eindrücke und übermäßige Erregbarkeit von manchen oder allen Empfindungen, Gefühlen und Trieben.
    • Eine intensive Auswirkung von Affektvorgängen auf die körperlichen Funktionen.

 

 

 

 

 

  •  Alice Miller (1923 – 2010) war eine schweizerische Autorin und Psychologin polnisch-jüdischer Herkunft. Sie hat in vielen allgemeinverständlichen Werken ihre Ansichten über die Kind-Eltern-Beziehung dargestellt und die Psychoanalyse kritisiert. Am bekanntesten wurde ihr erstes Buch „Das Drama des begabten Kindes“, das 1979 erschien. In diesem Buch veranschaulichte sie, wie es durch Verdrängung eigener Wünsche, Gefühle und Impulse zu einem falschen Altruismus kommen kann, der sich generationsübergreifend auswirkt. Ihrer Beschreibung nach waren begabte, intelligente und feinfühlige Kinder dafür sehr empfänglich und sie bemühten sich im Besonderen, den elterlichen Erwartungen zu entsprechen. Als sie jedoch erwachsen waren, kristallisierte sich heraus, dass ihre eigenen Gefühle und Wünsche für sie nicht wichtig oder nicht erkennbar waren. Die Ängste, Bedürfnisse und Gefühle ihrer Eltern nahmen sie allerdings in der Kindheit und im Erwachsenenalter deutlich wahr. Das lässt den Schluss zu, dass die Eltern, anstatt sich um die Bedürfnisse ihres Kindes zu sorgen, sich ihr Kind um die Bedürfnisse und Sicherheit der Eltern kümmert und sich dieser Prozess umso leichter vollzieht, je sensibler das Kind ist (vgl. Ebd., S. 55).

 

  • Jerome Kagan (1929 – heute) war Psychologe an der Harvard Universität, der sich bei seinem Studium intensiv mit dem Thema Sensibilität beschäftigte (vgl. Aron 2013, S. 58). Er setzte in seinen Forschungen Säuglinge unterschiedlichen Reizen aus, um deren Reaktionen zu testen. Zirka 20 Prozent der Säuglinge reagierten heftig auf die Reize. Diese empfindsame Gruppe benannte Kagan als ‚gehemmt‘, da sich die Säuglinge innerhalb weniger Jahre zu introvertierten und vorsichtigen Kindern entwickelten (vgl. Parlow 2003, S. 54). Kagan entdeckte auch die dafür verantwortlichen Details. Er fand bei den gehemmten Säuglingen heraus, dass die Stirnpartie der rechten Kopfseite kälter war. Dies deutet auf eine stärkere Hirnaktivität der rechten Gehirnhälfte hin, da das Blut von der äußeren Körperoberfläche nach innen zur angesprochenen Stelle gelenkt wird. Es konnte auch beobachtet werden, dass gehemmte Kinder im Säuglingsalter häufiger unter Schlaflosigkeit, Allergien, Verstopfung und Koliken litten. Bei erstmaligem Laborkontakt war bei den gehemmten Kleinkindern die Herzfrequenz deutlich höher und blieb selbst unter Stress unverändert. Untersuchungen der Körperflüssigkeiten (Blut, Speichel, Urin) zeigten einen hohen Gehalt des Neurotransmitters Noradrenalin besonders nach unterschiedlichen Stresssituationen, sowie eine außergewöhnliche Menge des Hormons Cortisol in Stresssituationen, aber auch in geborgenen, ruhigen Situationen. Noradrenalin wird als Gegenstück zu Adrenalin bezeichnet. Cortisol wird bei mehr oder weniger stetig erregten oder angespannten Nerven ausgeschüttet. Kagan kam zu dem Schluss, dass Menschen mit einem gehemmten oder empfindsamen Wesen ein besonderer Menschschlag sind (vgl. Aron 2013, S. 59ff). Seiner Meinung nach sind die Unterschiede genetisch deutlich ersichtlich, objektiv feststellbar, ererbt und unübersehbar für geschulte Augen (vgl. Parlow 2003, S. 58).

 

  • Die amerikanische, staatlich zugelassene Psychologin und Psychotherapeutin Elaine Aron gilt als Urheberin des Begriffs ‚High Sensitive Person‘, zu Deutsch hochsensible Person (HSP) oder hochsensible Menschen (HSM). Sie ist in der Forschung tätig, beschreibt sich selbst als hochsensibel und ist Mutter eines hochsensiblen Kindes (vgl. Aron 2014a, S. 12). Ihren eigenen Studien und Untersuchungen sowie vieler anderer zufolge ist das Merkmal bei ca. 20 Prozent der Erdbevölkerung, also bei Menschen wie auch bei über 100 Tierarten geschlechterunabhängig zu beobachten (vgl. Aron 2014b, S. 7f). Erst Elaine Aron vereinte all die gewonnenen Erkenntnisse mit den heutigen universitären zeitgenössischen Forschungen zu einem Begriff - Hochsensibilität (vgl. Parlow 2003, S. 50). Sie schreibt: 
    • Ich habe lange und intensiv darüber nachgedacht, wie ich diese Eigenschaft eigentlich nennen könnte. Ich wollte nicht den Fehler wiederholen, sie mit Introvertiertheit, Schüchternheit, Gehemmtsein oder einer Menge anderer fälschlicher Bezeichnungen zu verwechseln, die andere Psychologen uns auferlegt haben. Keiner der Begriffe drückt nämlich den neutralen und erst recht nicht den positiven Aspekt dieser Eigenschaft aus. Der Begriff ‚Sensibilität‘ macht auf neutrale Weise die größere Empfänglichkeit gegenüber Reizen deutlich. Es schien mir an der Zeit, mit der Voreingenommenheit gegenüber HSM abzurechnen, indem eine Bezeichnung gewählt wurde, die uns gerecht wird. (Aron 2013, S. 12)
    • Zurzeit existieren bereits einige empirische Forschungen zu dieser Thematik, sowie Erkenntnisse aus bildgebenden Verfahren (vgl. Streitbörger 2012, S. 37). Dennoch ist das Wissen der Allgemeinheit über die Normalität und Vorzüge dieser Eigenschaft aufgrund der noch wenig bekannten Literatur dürftig (vgl. Aron 2014b, S. 10). Besonders durch Aron wird die Forschung in Amerika vorangetrieben und in führenden Fachzeitschriften veröffentlicht (vgl. Aron 2014a, S. 13).
    • Dass ich der breiten Öffentlichkeit die Informationen zugänglich machte, die sie brauchte, ließ mir wenig Zeit, meine Forschung voranzutreiben oder an Konferenzen teilzunehmen, auf der ich sie hätte diskutieren können. Das wiederum hätte zu weiteren Studien anderer Wissenschaftler geführt, die dann irgendwann die erforderliche kritische Anzahl erreicht hätten, die eine Idee in akademischen Kreisen bekannt macht. So kommt es, dass manche Fachleute Hochsensibilität vielleicht noch immer nicht als ernsthaftes Thema innerhalb der wissenschaftlichen Psychologie ansehen. (Aron 2014b S. 14)

 

 

 

 

 

  •  Arthur Aron (1945 – heute) ist Psychologieprofessor an der Stony Brook Universität in New York und betreut etliche Forschungsarbeiten zum Thema Hochsensibilität. Seine Doktorandinnen konnten mit Hilfe von bildgebenden Verfahren feststellen, dass bei hochsensiblen Menschen andere zeitliche Abläufe im Gehirn bei Reizen stattfinden und andere Hirnregionen aktivieren als bei der Bevölkerungsmehrheit. Erkennbar war, dass die Amygdala sowie andere Hirnareale, die für die Furchtreaktionen zuständig sind, stets eine untergeordnete Rolle spielten, was bedeutet, dass es weder um Angst, Gehemmtheit noch um einen negativen Affekt geht (vgl. Streitbörger 2012, S. 37). „Die Amygdala nimmt nach übereinstimmender Auffassung neben Hypothalamus und mesolimbischem System die zentrale Rolle bei der Entstehung und Steuerung von Emotionen ein“ (Schilling 2013, S. 190).